Brigitte Reimann Halbportrait
Brigitte Reimann
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Die Kinder von Hellas
Die Kinder von Hellas. Verlag des Ministeriums für nationale Verteidigung. 1956.
„Übrigens habe ich einen tollen Stoff für einen Roman, an den ich mich vorläufig freilich noch nicht heranwage. Im Betrieb meines Mannes arbeitet seit einiger Zeit ein Grieche, ehemaliger Partisan, mit dem haben wir uns befreundet.. Das ist noch nicht einmal das richtige Wort; vielmehr ist er uns ein Bruder, wir haben vom ersten Tage an schon unser Herz an ihn verloren. Das ist ein Mensch, Du! Wenn man ihn erzählen hört, gehen einem die Augen über. Es geht fast über das menschliche Begreifen, was dieser junge Bursche ‑ er ist auch erst einundzwanzig ‑ schon erlebt hat, und dabei, ist er so heiter, so ausgeglichen und übt in jeder Beziehung auf uns einen guten Einfluß aus. Am tiefsten hat mich das Schicksal seiner Schwester Maria erschüttert. Das zu gestalten muß eine große, herrliche und unendliche schwere Aufgabe sein."
(10.05.1955, Elten-Krause, Elisabeth/ Lewerenz, Walter: Brigitte Reimann in ihren Briefen und Tagebüchern)


Der junge Grieche, von dem obigen Auszug die Rede ist, gilt als Vorbild für die Hauptfigur Costas Ziplakis in Brigitte Reimanns Die Kinder von Hellas. In Griechenland toben im Sommer 1948 erbitterte Kämpfe zwischen regierungstreuen Truppen und der alten Partisanenarmee, welche sich 1941 als Widerstand gegen die einfallenden Deutschen formiert hatte. Die Autorin stellt jedoch nicht die Auseinandersetzung zwischen den beiden Kräften in den Vordergrund; die Handlung bricht ab, noch bevor sich die Niederlage der Partisanen vollzieht. Reimann interessiert sich vielmehr für die jungen Menschen, die zwar in einem blutigen Kampf stehen, aber eben auch lieben, lachen und hoffen. In der schlimmsten Zeit, in Hunger, Kälte und Krankheit, malt der Protagonist Costas seiner geliebten Helena eine "Insel der Seligen" voller Licht und Wärme. Die Schriftstellerin räumt solchen Traumbildern und Fantasievorstellungen zwar lebenserhaltende Kraft ein, lässt jedoch gleichzeitig keinen Zweifel daran aufkommen, dass diese Insel, das Land Nirgendwo, nur eine Utopie ist:
 

„'Eines Tages wirst du selbst begreifen, daß es ein solches Glück nicht gibt, in den Wolken, im Lande Nirgendwo, fern von den Menschen und ihren Auseinandersetzungen. Immer muß man sich entscheiden - für diese oder für jene Seite... Du gehörst zu uns oder zu denen da drüben, zu den Faschisten; einen Mittelweg gibt es nicht, verstehst du das?’
‚Ja’, sagte sie, aber es klang, als weine sie nach innen.“(S. 128)

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