Brigitte Reimann Halbportrait
Brigitte Reimann
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Franziska Linkerhand
Cover Franziska Linkerhand
Frankziska Linkerhand. Verlag Neues Leben. 1974.
"Ich kam mit einem alten Fahrer von der Defa, wir fuhren auf dem Weg nach Senftenberg (...), und er sagte: 'Jetzt kommen wir in die Zone des schwarzen Schnees.' (...) Auf einmal zündete es bei mir, ich war aufgeregt: das kann der Titel sein. 'Singend im Regen' ist schön, aber Quatsch, weil beziehungslos. Aber dies: SCHWARZER SCHNEE.
[...] Und auf einmal weiß ich auch viel mehr über mein Buch: die Stadt, die Leute, die Tristesse, das Heldentum (oder was wir so nennen), Ruß auf dem Schnee, und das provisorische Leben, (...), dieses Gefühl, auf gepackten Koffern zu sitzen: hier wird ein Werk, eine neue Stadt gebaut, und in [...] fünfzig Jahren, wenn’s hochkommt, ist hier eine Seenplatte, und unsere Enkel lachen: Braunkohle? Antiquiert. Hoch die Atomkraft!"
(24.02.63, Reimann,Brigitte: Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964-1970)


Dieser große Roman über eine junge, lebenshungrige Architektin, die sich im Braunkohle-Kombinat Neustadt mit dem sozialistischem Alltag auseinandersetzt, blieb unvollendet. Während der Arbeit am 15. Kapitel wurde Brigitte Reimann im Januar 1973 ins Krankenhaus Berlin-Buch eingeliefert und verstarb an einem Krebsleiden Letzte Aufzeichnungen von Brigitte Reimann zum Franziska-Roman. Wahrscheinlich stand sie kurz vor dem Abschluß des Buches.
Der Roman, der mit den vollständigen Kapiteln schon hunderte Seiten umfasste, wurde posthum, vor allem auf Initiative von Schriftstellerkollegen (u.a. Christa WolfWolf, Christa (geb. 1929): Schriftstellerin) 1974 im Verlag Neues Leben veröffentlicht.
 

"Franziska atmete auf, als der Zug am Neustädter Bahnhof hielt, einem jener Kleinstadt-Bahnhöfe, an die man sich eine Viertelstunde später nicht mehr erinnern kann, backsteinern, niedrig, mit einem Bahnsteig unter Wellblech, rußigem Knipserkäfig und nassen, schmutzigen Fliesen. Franziska schleppte ihre Koffer zum einzigen Taxi am Bahnhofsplatz. Der Taximann besah sich wohlgefällig den fremden Vogel, rührte aber keinen Finger, als sie die Koffer in den Wagen wuchtete; er lehnte sich auf seinen Sitz zurück. 'Schwer, hm?' 'Leichenteile', sagte Franziska. 'Zur Hochbauprojektion, bitte.' Er starrte sie im Rückspiegel an. 'Zum Stadtarchitekten.', sagte sie. 'Also zum Friedhof', sagte der Taximann. 'Na schön, zum Friedhof.', sagte Franziska und lachte."

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